Textatelier
BLOG vom: 21.09.2012

Blindgänger: Triste Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Wenn in der heutigen Zeit von „der Bombe“ geredet oder geschrieben wird, ist meistens die Atombombe gemeint. Ganz aktuell geht die Atommacht Israel davon aus, dass der Iran kurz davor ist, eine derartige Waffe herzustellen. Aus Sicht der westlichen Industriestaaten ist der Iran ein Schurkenstaat, und einem solchen wird der Besitz einer Atombombe nicht gestattet. Das hat etwas damit zu tun, dass den meisten „legitimen“ Staaten mit Atomwaffen ein „vernünftiger Umgang“ damit zugestanden wird, Diktaturen und politisch unsicheren Staaten eben nicht. Dass die USA die Atombombe, im Gegensatz zu allen anderen Staaten, bereits bekanntlich in Japan eingesetzt hat und dass die USA in ihrer jüngsten Geschichte mehrmals kurz davor stand, sie einzusetzen – man denke nur an die Kubakrise ‒, das zählt merkwürdigerweise nicht. Ein Atombombenabwurf über Nazideutschland ist uns erspart geblieben, nicht aber ein unverantwortlicher Umgang mit Sprengkörpern und Bomben verschiedenster Bauart, Grösse und zerstörerischer Kraft im Zweiten Weltkrieg, nicht zuletzt auch von den Alliierten, – man denke nur an die für den Kriegsverlauf völlig überflüssige Bombardierung Dresdens. Daran werden wir immer wieder erinnert.
 
Am 17.09.2012 war es in der Viersener Innenstadt so weit: Bei Erdarbeiten wurde eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Im letzten Jahr waren es 862 Bomben in Nordrhein-Westfalen gewesen. Da das Ruhrgebiet und die Gebiete links und rechts des Rheins wegen der dichten Bebauung und Industrialisierung ein wichtiges Ziel der alliierten Luftangriffe waren, ist es nur eine Frage der Zeit, bis wieder ein Blindgänger gefunden wird. Der Anteil von Blindgängern wird auf 20 % geschätzt, das sind für Deutschland 250 000.
 
Blindgänger ist nicht gleich Blindgänger. Es gibt welche, bei denen kann der Kampfmittelräumdienst problemlos den Zünder entfernen, es gibt aber auch welche, die einen Langzeitzünder, einen sogenannten Säurezünder, haben.
 
Chemisch-mechanische Langzeitzünder bringen die bei einem Luftangriff abgeworfenen Sprengbomben zeitverzögert zur Explosion. Diese spezielle Art von Fliegerbomben sollen Lösch- und Bergungsarbeiten behindern bzw. völlig unmöglich machen. Sie wurden also erst nach der eigentlichen Bombardierung abgeworfen. Ihr fielen Menschen zum Opfer, die andere aus den Trümmern retten oder die entstandenen Brände löschen wollten. Eine hinterhältige Aktion, aber im Krieg galt und gilt auch noch heute alles als erlaubt, was dem Feind irgendwie schadet. In Viersen handelte es sich um eine amerikanische 2,5-Zentner-Bombe. Die Langzeitzünder sind nicht einfach zu entfernen, schon eine Bewegung der Bombe kann sie aktivieren und sie nach einiger Zeit zur Explosion bringen. In Viersen war sie durch die Erdarbeiten verrutscht.
 
Deshalb ist Eile angesagt, wenn eine Bombe dieser Bauart entdeckt wird. Dem Kampfmittelräumdienst bleibt nichts anderes übrig, als sie kontrolliert zur Explosion zu bringen. Dass das erhebliche Gefahren birgt, ist erkennbar, und es sind auch schon viele Fälle bekannt, bei denen es Tote und Verletzte gegeben hat, ebenso Sachschäden. Noch am 28.08.2012 entstand bei einem baugleichen Typ im Zentrum von München ein Millionenschaden.
 
In Viersen wurde der Fund mitten in der dicht bebauten Innenstadt gemacht, hinter der Einkaufsstrasse. Alles musste schnell gehen. Fast 10 000 Menschen wurden in Windeseile evakuiert. Wer konnte, ging zu Verwandten und Freunden, andere wurden in Sporthallen und Schulen untergebracht. Der Brandmeister erläuterte der Zeitung: „Eigentlich war es keine Evakuierung, sondern eine Räumung ‒ eine logistische Herausforderung, für die man sonst Tage braucht.“
 
Alle Geschäfte mussten schliessen und Wohnungen im Radius von 1000 m geräumt werden. Bei so vielen Beteiligten geht das nicht ohne Chaos ab. Die Menschen durften nichts mitnehmen, ältere Bewohnerinnen und Bewohner mussten mit Krankenwagen befördert werden. In den Sporthallen wurden sie registriert, was zum Beispiel bei Demenzkranken nicht einfach war. Wie häufig, fühlten sich die Beteiligten schlecht informiert, die Telefone waren überlastet.
 
Einige historisch wertvolle Häuser, teilweise aus der Gründerzeit, wurden durch Container gesichert. Das konnte man aber nur begrenzt tun. Die Bombe wurde mit Strohballen und Sand abgedeckt.
 
Schon etwa 10 Stunden nach dem Fund, gegen 23 Uhr, konnte die Bombe zur Explosion gebracht werden. Sie war nicht laut, aber die Druckwelle heftig. Der Krater war mehrere Meter tief. In unmittelbarer Nähe wurden Häuserwände eingerissen. Türen, Fenster und einige Schaufenster an der Einkaufsstrasse gingen zu Bruch, der Sand wurde an die Häuserwände der Umgebung geschleudert und klebt noch jetzt in Klumpen daran fest.
 
Eine Stunde nach Mitternacht konnten viele Menschen wieder in ihre Häuser zurück. Der in Mitleidenschaft gezogene Anbau eines Hauses, in dem ein Optiker seine Werkstatt hatte, direkt neben dem Krater, ist vermutlich nicht mehr zu reparieren und muss abgerissen werden.
 
Menschen kamen nicht zu Schaden. Am Tag darauf konnte man beobachten, wie die Glas- und sonstigen Schäden beseitigt wurden. Sachverständige überprüften die umliegenden Gebäude.
 
Das Leben geht seinen gewohnten Gang, für viele Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt wird das Ereignis in wacher Erinnerung bleiben.
 
Wie sagte doch eine der älteren Bewohnerinnen, die ihr Haus verlassen musste:  „Jetzt haben wir wieder Krieg!“ Irgendwie hat sie Recht, schliesslich ist eine Bombe explodiert.
 
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